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chun erzählt, in seiner kindheit hat die reisernte bei ihm zu hause nur ein halbes jahr gereicht. sein vater musste jedes jahr ein paar monate nach indien parawan gehen um die familie durchzubringen, wie viele andere bauern aus hedangna auch. ann armbrecht schreibt in ihrer dissertation, dass sie anfang der 1990er neben dem lehrer in der früh an der wasserstelle die einzige war, die seife dabei hatte. seither hat sich viel getan, nicht nur, dass heute die meisten häuser ihr wasser per pvc-schlauch beziehen. einer der besten wohlstandsindikatoren in nepalesischen dörfern ist die anzahl der wellblechdächer und der photovoltaik-panele. wenn man die in hednagna und den umliegenden dörfern zählt, kann man hoffen, dass es einen in eine gegend verschlagen hat, in der nicht die hälfte der kinder hungrig ins bett geht. arbeitsmigration hat nach wie vor einen großen anteil an der lokalen ökonomie, doch anders als früher ist saisonarbeit in indien heute eher die ausnahme und dreijahresvisa in den golfstaaten oder malaysia die regel.

aber man kann sich auch eine goldene nase verdienen ohne das aruntal zu verlassen. gemeinsam mit chun bin ich von akchewa richtung hedangna unterwegs gewesen, auf halbem weg liegt einer der schönsten rastplätze, die ich kenne, mit bequemen steinbänken unter einem ausladenden pipalbaum und einer grandiosen aussicht das aruntal richtung tibet hinauf. von dort aus schaut man auf die vielleicht dreißig haushalte von ala und uling hinunter. ich sage: das sind aber große häuser in ala und chun meint nur: alainchi.

alainchi heisst kardamom auf nepali und seit gut zwanzig jahren werden im oberen aruntal mehr und mehr von diesen rotgrünen stauden gepflanzt. jeden herbst zwischen doshain und tihar – den zwei wichtigsten festen im hindu-kalender – zieht dann das halbe dorf in den wald und allenthalben hört man auf die immer angebrachte frage wohin? alainchima – in den kardamom. durch den kardamom-anbau hat sich auch eine kleinräumige arbeitsmigration entwickelt, so gehen viele männer aus bala und sisuwa hinauf nach num, hedangna oder hatiya um dort für 200 rupien pro tag kardamom zu ernten.

auch ich war drei tage in einem der beiden kardamom-gärten, die chuns familie bewirtschaftet. kardamom mag es nass, warm und schattig, im immergrünen regenwald ostnepals findet er also perfekte bedingungen vor. wir gehen von hedangna nach uling, wo chuns mutter aufgewachsen ist, und steigen von dort eine gute stunde in den wald hinauf. doch der garten ist nur auf den ersten blick dschungel mit kardamom statt unterholz, der boden ist terrassiert, hier wurde bis vor einer generation mais und hirse angebaut. chuns mutter hat keine brüder, nur darum hat sie land geerbt. und damit man einen kardamom-garten anlegen kann, muss man das land erst einmal ein paar jahre lang zuwachsen lassen. zuerst haben wir die alte hütte abgerissen und eine neue aufgestellt, was sich hier locker in einem tag ausgeht.

die stauden schauen auf den ersten blick recht unscheinbar aus, sie verstecken ihre frucht im wurzelgeflecht und wir rücken mit speziellen messern aus, die ausschauen, wie eine mischung aus schepser, sichel und zapin im miniaturformat, also mit einer klinge vorne, mit der man stechen kann und einem widerhacken mit klinge hinten zum schneiden. und so arbeitet man sich also langsam durch den busch, schneidet die alten bläter ab um an die fruchtstände zu kommen, die ausschauen, wie artischoken, die jemand mit einer dieser holländischen nazi-gras-sorten gekreuzt hat, die wie lutschermarken heissen und sie dann vier wochen im regen liegen gelassen hat – also ein bißchen unheimlich, finde ich. aber noch viel unheimlicher sind die dicken, gelben, behaarten luftwurzeln, beim zweiten oder dritten busch hab ich geglaubt, eine fette vogelspinne sitzt im busch und lässt gemütlich einen haxn heraushängen.

die fruchtstände werden dann zur hütte gebracht, wo der kardamom geräuchert wird. dafür muss er aber erst einmal aus seinen artischoken herausgeholt werden, was ich zwei tage lang gemacht habe. keine anstrengende arbeit, aber ordentlich ins kreuz geht das, vor allem, wenn man im schneidersitz am boden sitzt. auf einem halben hektar lassen sich in einem guten jahr zwei bis drei mon ernten, 80 bis 120 kg. momentan liegt der preis bei astronomischen 40 000 rupien pro mon, das heisst der halbe hektar bringt soviel ein, wie das jahresgehalt eines mittleren beamten. kein wunder also, dass die einheimischen den kardamom auch schwarzes gold nennen.

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ein paar tage später, zurück in hedangna besuchen wir einen lokalen kardamom-händler. die ware wird gewogen und auf maultiere verladen, die ihn bis zur straße oder bis nach khandbari hinein tragen, wo es große lager und die nächstgrößeren zwischenhändler gibt. im jeep zurück nach khandbari bekomme ich dankenswerter weise einen sitz auf der vorderbank, neben einem kardamom-bauern und händler aus hatiya, der seien fensterplatz ausführlich für seine geschäftstätigkeit nutzt, bei jedem dritten fußgänger, der uns entgegenkommt, müssen wir kurz stehen bleiben. er sagt, seine familie erntet 50 mon, das wären also 2 tonnen, aber ich glaub ihm nicht, weil er meint, das sie dafür niemand anstellen brauchen. momentan reicht sein netzwerk auch nur bis khandbari, aber in zwei drei jahren will er einen lkw kaufen und weiter expandieren.

beim händler in hedangna stapeln sich auf jeden fall die säcke, nicht nur mit kardamom, die nähe zu china macht das obere aruntal zu einem sehr lukrativen sammelgebiet für allerlei obskure non-timber-forest-products. yartcha gumba zum beispiel wird für 80 000 rupien pro mon gehandelt, wenn man den berichten der einheimische glauben schenken mag (schon cronin notierte (zwar in bezug auf den yeti) 1979: “the natives, after all, is not to be trusted for their limited knowledge of zoology.”) ist das eine pflanze, die aus dem kopf einer raupe wächst (ohne scheiss, mann!). zu gesicht bekommen hab ich die aber noch nicht. aber das beste erzählt uns der kardamom-händler: es gibt ein tier im dschungel, unter naturschutz natürlich, aus dessen haut in china kugelsichere jacken hergestellt werden – 300 000 pro mon.

ich hab bisher noch nix derartiges gefunden. aber richin sherpa hat mir eine nuss geschenkt, die gegen vergiftetes essen helfen soll. einfach am abend ein stück einnehmen und keine milch dazu trinken. und beim roksi trinken nach checkchekma (darüber wird noch ausführlich zu berichten sein) hat mir der gute badri ein stück wurzel geschenkt, das gut gegen schlangenbisse ist. wie ich dann genauer wissen wollte, was man mit der wurzeln tun muss, hat er gemeint: wenn die schlange die wurzel sieht, dann haut sie augenblicklich ab und beisst dich nicht. ich halte sie fürs erste einmal griffbereit.

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