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das war gar nicht geplant, aber plötzlich fühl ich mich wie ein echter ethnologe. die letzten wochen in hedangna haben mir die möglichkeit gegeben, mich im rahmen einer reihe von ritualen gediegen zu betrinken und hier in khandbari lachen sie immer noch über mich, weil ich am abend der laxmi puja irgendwas in den augenwinkeln vorbeihuschen hab sehen und auf chuns frage was los sei nur gemeint hab: laxmi vielleicht.

begonnen hat der spaß am ersten tag in hedangna. am abend ist der pasamba ins haus gekommen, ein alter herr mit verwittertem gesicht, der erste in einer reihe seiner altersgenossen, der sofort begonnen hat, hindi mit mir zu reden, wobei seines vor allem aus “nay nay nay” bestanden hat. er hat natürlich eine tongba bekommen, einen bambuscontainer etwa so groß wie ein biermaß gefüllt mit vergorener hirse und versehen mit einem strohhalm zum trinken, wir anderen auch. nach einer gewissen zeit ist auch man bahadur aufgetaucht, sein helfer, und irgendwann ist der pasamba unvermittelt aufgestanden und hat gemeint: es geht los.

er ist einer der yadengba im dorf, sagen wir ein priester. ein yadengba ist zuständig für die rituale, die notwendig sind um die ahnen bei laune zu halten. er kennt das mindhum, ein extrem komplexes korpus aus  zaubersprüchen in sehr alter ritualsprache, das nur mündlich weitergegeben wird. aber das mindhum ist noch viel mehr, es beinhaltet die ursprungsmythen der yamphu, die geschichten, wie die ahnen nach hedangna gekommen sind und ist das zentrum ihrer kultur und identität.

an diesem tag ist der pasamba gerufen worden um die puja am hausschrein durchzuführen, die wichtig ist um die verbindung mit den ahnen aufrecht zu erhalten. die yamphu leben in recht engem kontakt mit ihren ahnen, die sehr mächtig sind, aber auch extrem leicht zu beleidigen – wie sehr alte menschen und kinder gleichzeitig, was mir eigentlich ziemlich logisch erscheint, wenn wir uns die ahnen als vorfahren und nachkommen vorstellen. darum geben ihnen die yamphu reis, hirsebier und hühnerfleisch, das, was sie auch selber am liebsten essen. der pasamba steht vor dem schrein und chantet seinen zauberspruch. alles hängt davon ab, dass er es richtig macht.

am nächsten nachmittag füllt sich das haus langsam mit nachbarn und verwandten, das erdgeschoss wird vorbereitet und alle warten darauf dass die sukadevama eintrifft. chuns schwägerin ist seit zwei wochen schwer krank. sie liegt den ganzen tag im bett und wenn sie aufsteht, schaut sie apathisch aus ihren leeren augen. eigentlich ist sie ein fröhliche junge frau, die den ganzen tag hart arbeitet und gern lacht. die sukadevama ist gerufen worden um herauszufinden, was mit rekha passiert ist. sie ist eine mangma, anders als der pasamba ist sie nicht für die belange der ahnen zuständig, sondern dafür, dass die lebenden gesund und kräftig sind. die yamphu glauben, dass jeder mensch eine reihe von verschiedenen seelen besitzt, wenn eine davon verloren geht oder gestohlen wird, im wald, oder weil du von jemand verhext worden bist, wirst du krank.

die sukadevama wird die ganze nacht unterwegs sein, sie hat zwei gehilfen, einen an der trommel, der andere klopft auf einem blechteller mit. das ganze haus ist voller leute, kinder schlafen, alte frauen drehen zigaretten und unterhalten sich lautstark, während sich die schamanin in trance chantet, ihr gesicht starr auf die westwand des hauses gerichtet, die dicht mit pflanzen ausgekleidet ist. sie wechselt auf die andere seite, reist den arun hinunter richtung süden und direkt in den mittelpunkt der erde. dort sitzt manguhang an einem see unter einem pipal-baum. nach zwei stunden konnte ich die augen einfach nicht mehr offenhalten und am boden war kein platz mehr um mich hinzulegen, also hab ich mich auf den balkon ins bett verzogen. ich wollte später wieder aufstehen, aber stattdessen hab ich die ganze nacht im takt der trommel geträumt. ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaub, es war in dieser nacht, dass ich arigona zogaj am dach des parlaments geküsst habe. darum hab ich die action verpasst, die dann irgendwann im morgengrauen stattgefunden haben muss, aber dafür hab ich auch die nakba versäumt.

denn so spannend das ja ist, wenn sich die ritualspezialistinnen die tür in die klinke geben (was für ein lahmes bild, nicht einmal in khandbari haben die türen klinken), hat es für mich immer auch einen bitteren beigeschmack: nakba. immer, wenn ein ritual danach verlangt, dass ein huhn geopfert wird – also meistens – bekommen die yamphu ganz strahlende gesichter: es gibt nakba. das geschlachtete hendl wird nicht gerupft, sondern die federn werden über dem herdfeuer abgebrannt und die asche wird unter reisbrei gemischt: und ich kann versichern, es schmeckt genauso wie es sich anhört. die männer betonen gerne: das ist traditionelle yamphu-kultur und lassen sich noch einen zweiten teller aushändigen – aber mittlerweile seien auch nicht-yamphu auf den geschmack gekommen und würden es den yamphu nachmachen.

die sukadevama hat herausgefunden, dass jemand rekhas essen verhext hat. ein huhn wurde geopfert, das haus gesäubert, eine kalebasse mit dem fluch gefüllt und ein stück vom haus entfernt am weg vergraben. sie meint, alle im haus sind sicher, aber es kann sein, dass in den nächsten monaten ein verwandter stirbt, der außerhalb von hedangna lebt. am nächsten tag scheint es rekha schon besser zu gehen, schön langsam kommt wieder farbe in ihr gesicht zurück. drei tage später bindet sie sich ihren sohn rudip auf den rücken und geht in die reisfelder unkraut jäten.

vor ungefähr sechs wochen bin ich mit sarbani im bakery cafe in jawalakhel gesessen, unweit der schweizer botschaft. sarbani hilft mir mit übersetzungen, sie hat in den usa studiert. ihr vater war im diplomatischen dienst, die familie ist dementsprechend weitgereist. sie erzählt von ihrer mutter, die immer wieder mysteriöse beschwerden hat, das einzige was hilft, sind die besuche bei der schamanin. voll überzeugung berichtet sie, dass die nachbarinnen neidisch auf die green card ihrer mutter und ihre reisen in die usa seien. zwischendurch wird ihre stimme unsicher, ihr blick skeptisch und sie fragt mich: “wie kann das sein? eigentlich gibt es hexen doch gar nicht.”

vor jahren hab ich eine vorlesung bei christian schicklgruber besucht, der hat seine doktorarbeit über tashigaon geschrieben, das ist einen tagesmarsch von hedangna entfernt. heute arbeitet er im völkerkundemuseum in wien und dort hatten wir auch die vorlesung. so konnte ich jede woche an der federkrone von montezuma vorbeispazieren und vor mich hinsummen: “the women all were beautiful, the men stood straight and strong.”

schicklgruber hat erzählt, von einen tag auf den anderen habe er hohes fieber bekommen und sei schwer krank geworden. in ermangelung anderer alternativen habe er sich von einer schamanin behandeln lassen. die habe ihn angeschaut, sei in trance gegangen und habe ihm erklärt, dass wenige tage zuvor ein weißer bergsteiger am makalu tödlich verunglückt sei und dessen wandernde seele quäle ihn nun. am nächsten tag sei er wieder gesund gewesen. er hat gemeint: “in solchen momenten fängt man schon an zu zweifeln.” aber was nicht sein darf, kann nicht sein, sinngemäß. es scheint also, als ob schamanistische behandlung sogar funktioniert, wenn man nicht daran glaubt.

mein großvater erzählt manchmal geschichten vom alten w. “der hat hexen können. wenn ihm jemand nicht gegeben hat, was er wollte, dann hat er dem sein vieh eingehen lassen, eine kuh nach der anderen.” die yamphu von hedangna sehen die ganze sache pragmatisch: die priester und schamaninnen wollen was verdienen. sie sagen, in ihren träumen fliegen sie hinauf nach khempalung, zum makalu, wo sie in einem see aus milch baden und die hexen in einem see aus blut. danach sitzen sie zusammen auf den steinen, lassen sich im mondlicht trocknen und besprechen, wen die hexen als nächstes angreifen sollen.

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