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eine woche später geht es weiter im ritualzirkus: chekchekma und lama puja an einem tag – und chun und ich haben es geschafft zu beiden zu spät zu kommen. chekchekma ist das zentrale ritual, das notwendig ist, damit die reisernte beginnen kann, es wird in einem kleinem tempel oberhalb der wichtigsten wasserstelle des dorfes durchgeführt und vorher wird von jedem haushalt reis und geld gesammelt. mit dem geld wird ein junger ziegenbock gekauft, der geopfert wird. der aturimba erklärt, dass das böcklein noch kein gras gefressen haben soll.

als wir um sieben in der früh in devithan ankommen, sind der aturimba und der setemba schon dabei zusammenzuräumen. es sind nur zwei weitere männer zur puja gekommen, was mich sehr überrascht hat, schien es doch, das chekchekma sehr wichtig ist für die ganze dorfgemeinschaft.

aber einen vorteil hat das mangelnde interesse und das zuspätkommen: wir werden zum essen eingeladen, bei einem kleinen geschäft oberhalb des tempels wird das böcklein zerlegt und gekocht und währenddessen wird schon die erste runde whiskey ausgeschenkt. dann kommt auch noch badri daher, bestellt ein bier und beginnt unseren whiskey damit zu verdünnen. gleichzeitig wird die ganze zeit vom hügel heruntergetrötet und zur lama puja gerufen.

die yamphu von hedangna stellen jeden herbst einen buddhistischen mönch aus hatiya als hagelversicherung für ihren reis an. und so wird jedes jahr eine puja gefeiert um den lama offiziell einzusetzen. als wir endlich mit essen und saufen fertig waren, hab ich gedacht, dass es höchste zeit ist um dorthin aufzubrechen. wir sind aber nur bis zum nächsten haus gekommen. chuns tante hat darauf bestanden, dass wir eine tongba bei ihr trinken und somit die rauschpyramide vollends auf den kopf stellen. so sind wir also erst eine gute stunde später vollkommen verschwitzt und betrunken bei der lama puja angekommen – und haben die versammelte festgemeinde schon im innenhof des nächstgelegenen hauses angetroffen.

natürlich wurde uns sofort hirsebier serviert, der lama schien auch schon recht illuminiert und hat gleich gemeint: keine fotos, ohne, dass ich irgendwelche anstalten gemacht hätte. die männer haben dann bald mit dem karten spielen angefangen, chun und ich sind erst einmal eingeschlafen. eine halbe stunde später bin ich wieder zu mir gekommen und hab im ersten moment geglaubt, ich bin wieder in den dörfern südostpolens auf feldforschung – dem alkoholspiegel nach zu urteilen. bald darauf ist der setemba aufgetaucht und hat sich lautstark beschwert: dass niemand zu chekchekma gekommen ist, dass die halben häuser keinen reis und kein geld für das böcklein hergegeben haben. die anderen haben versucht ihn zu beschwichtigen, aber er hat sich nicht versöhnen lassen und ist wieder von dannen gezogen ohne sich auf ein bier einladen zu lassen.

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drei tage darauf – wir waren zwischendurch im kardamom – sind wir beim netramba zu nuangi eingeladen. nuangi ist das ritual, das jeder haushalt individuell durchführt bevor die reisernte beginnt. man könnte meinen, es handelt sich um ein picknick im grünen, wenn da nicht die vier verschiedenen schreine wären, für die sonne, das wasser, das herdfeuer und den arun, den fluss, der für die yamphu von höchster wichtigkeit ist und wegen dem ja auch ich nach hedangna gekommen bin. gleichzeitig finden vier nunagis in rufweite voneinander statt und alle haben den aturimba als priester gerufen, der sich also auf eine schnitzeljagd mit 16 stationen begibt. immer, wenn er an einem schrein fertig ist und aus seiner kurzen trance zurückkommt, schaut er sich einen moment lang verloren um und rennt dann wie von der tarantel gestochen davon, auf zum nächsten altar.

wir sitzen währenddessen auf abgeerteten maisterassen, saugen an unseren tongbas, schauen ihm dabei zu, wie er sich, einen blumenstrauß in der hand, schüttelt und warten auf das essen. zu nuangi muss man mit leerem magen erscheinen, vielleicht kommt das bauchweh am nächsten tag davon, dass wir in der früh ganz unerlaubterweise einen tee getrunken haben, vielleicht aber auch von der letzten schale bier, auf die wir am weg nach hause eingeladen werden. nuangi kann ein haushalt nur durchführen, wenn es eine mutter im haus gibt und sie ist die zentrale person im ritual, sie bekommt als erste zu essen, nachdem sie vom priester gesegnet wurde. es gibt natürlich nakba und eine kleine portion frisch geernteten reis. der wird am vortag geschnitten, die person, die das macht muss sich vorher rituell waschen und darf den ganzen tag lang nicht sprechen. der reis wird nicht wie sonst im innenhof getrocknet, sondern am dach oder am feld, auf jeden fall nicht auf profanem boden. dazu wird ein ganz kleines stück hühnerfleisch gereicht und ich musste an die yamphu-geschichte denken, warum die lebenden die ahnen nicht mehr sehen können.

die yamphu sagen, früher haben die ahnen und die lebenden zusammengelebt und als ein lebender die tochter von ma’lung thuba geheiratet hat, wurde der von seinen neuen verwandten zur jagd eingeladen. tagelang waren sie auf der suche nach ihrer beute und konnten sie nicht finden. dann haben die brüder der braut den bräutigam beauftragt, an einer engstelle zu warten sie würden ihm die beute zutreiben. er setzte sich hin und wartete darauf, dass ein hirsch oder etwas ähnliches daher kommen würde. als ein kleiner vogel vorbeikam, schoß er ihn, steckte ihn sich unter den hut und vergaß ihn bald. die verwandten kamen zurück um zu fragen, ob er die beute schon gefangen habe, er verneinte und sie gingen zurück in den wald. jedes mal, wenn sie zurückkamen beteuerte der bräutigam, dass kein tier vorbeigekommen sei, bis er schließlich den hut lüftete, den vogel hervorholte und meinte: “das ist alles, was ich gefangen habe.” worauf sein schwiegervater die hände über dem kopf zusammenschlug und meint: “aber genau das haben wir die ganze zeit gejagt. das ist unsere beute! du hast den vogel gefangen und erzählst uns die ganze zeit, dass du nichts geschossen hast. so ein unnützer schwiegersohn!”

seine verwandten begannen den vogel zu zerlegen und wuschen die eingeweide, jeder bekam ein winziges stück, der schwiegersohn einen ganzen oberschenkel, weil er den vogel geschossen hatte. am weg nach hause dachte er sich: was hab ich eigentlich für sonderbare verwandte? die haben keine ahnung von der jagd. und als er bei seiner frau ankam, warf er er den schenkel zu und meinte: “schau! danach jagt deine familie.” aber der schenkel war plötzlich viel größer geworden und als er seine frau traf, brach er ihr das bein. die schrie nach ihrem vater: “warum hast du mich mit diesem büffel-essenden menschen verheiratet? dieses kleine stück ist bei weitem genug für uns, aber für ihn ist es nichts!”

und da erkannten die ahnen, wie gierig und selbstsüchtig die menschen sind und beschlossen, dass sie von nun an unsichtbar für sie sein würden und nicht mehr mit ihnen gemeinsam leben würden, sondern ein stück weiter oben am berg und nur herunter kommen würden um den menschen schwierigkeiten zu bereiten oder – manchmal – ihnen gesundheit und glück zu bringen. und von diesem zeitpunkt an mussten die menschen sie respektieren und ihnen feste ausrichten um ihren zorn zu besänftigen.

der weg zurück ins dorf war einer der lustigsten spaziergänge an die ich mich erinnern kann. alle vier festgemeinden gehen gemeinsam in einer langen prozession, zwischendurch wird noch einmal rast gemacht und die letzten bier-reserven werden ausgeschenkt. später sitzen wir vor netrambas haus, ich tanze mit seinem vater, chun und himalis ehemann singen dazu.

bevor es dunkel wird füllt sich der innenhof mit teenagern und als wir ins haus zum essen gebeten werden – es gibt natürlich nakba – wird mir klar warum. netramba hat sich einen chinesischen dvd-player (vielleicht 9 zoll) gekauft, einen teil seiner veranda mit wellblech verkleidet und so einen zweiten raum im erdgeschoss geschaffen, in dem er jetzt ein kino betreibt. für mich hat das ganze aber eher den anschein, als ob es sich um einen hörspielabend handelt, dass da ein bildschirm im raum ist, bleibt mir auf den ersten blick verborgen. er verlangt zehn rupien eintritt, als ein nachbar ihm die idee nachgemacht hat, hat er den preis auf fünf rupien gesenkt. seit der nachbar aufgegeben hat kostet es wieder zehn. zum glück hab ich dieses mal die taschenlampe dabei, so müssen wir nicht durch die stockdunkle nacht nach hause stolpern.

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