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zurück in kathmandu fehlt mir hedangna schon nach ein paar tagen. und ich muss an bilsimaya denken, die mir zum abschied gesagt hat: “kommen sie bald wieder, sie sind wie ein sohn für mich.” das mit dem sie verstört mich zwar immer noch, aber diese nepali sind teilweise sogar mit ihren richtigen kindern per sie. andererseits: meine urgroßeltern haben auch noch “ihr” zu ihren eltern gesagt.

dafür geht mir dann immer das herz auf, wenn ich in bipins café komme und puja fragt mich: timilai kasto cha? eine frau, fast zehn jahre jünger als ich, sagt einfach du zu mir. drei mal in der woche kommt laxmi auf meine dachterasse und gibt uns unterricht. und jeden tag werde ich glücklicher, dass ich eine sprache lernen darf, in der sich gemüse auf regierung reimt.

regierung gibt es natürlich immer noch keine, aber mal schauen, was nächste woche passiert, wenn die maos von ihrem sparvereinsausflug nach gorkha zurückkommen. die zeitungen schreiben, das “extended forum” hat beschlossen, dass die einheimischen reaktionäre der erklärte hauptwiderspruch der partei sind. also doch nicht indien, es scheint, die “revisionistischen” kräfte haben doch noch nicht ganz verloren.

meine wohnung ist besetzt, ich bin also ins hotel gezogen und sehr zufrieden damit. abends sitz ich manchmal mit jacob auf der dachterasse und er erzählt mir, wie er 1963 das erste mal aus jugoslawien geflüchtet ist. beim ersten haus auf der kärntner seite hat er gedacht: jetzt haben wir es geschafft, wir sind im westen! und dann hat er die schüssel voller aufgesammelter zigarettenstummel auf dem tisch gesehen und sich gedacht: wenigstens zigaretten gibt’s in jugoslawien für alle. kurz vor münchen wurde er gefasst und noch heute meint er: “salzburg…schöne stadt, aber keine matratzen im gefängnis, nur holzpritschen.” später hat er fast dreißig jahre in south australia nach opal geschürft.

um mich herum schimpfen sie alle auf die stadt, auf den dreck, die luft, den gestank, den lärm (nur jacob meint: “i don’t know, but somehow nepal is too quiet for me”). ich freu mich, dass es essen aus weizen gibt und die erste warme dusche seit wien war auch eine erfreuliche begebenheit.

letzte woche war ich mit judith im kino und hab mir guzaarish angeschaut, einen sehr sonderlichen bollywood-film, der aber auch aus italien kommen könnte, nicht nur, weil goa ja meistens ausschaut wie die toskana. und trotz aller modern verbrämten frauenfeindlichkeit hat sich eine vermutung bestätigt, die ich schon seit september habe: neuerdings darf die indische frau begehren, zwar nicht wirklich sexuell und auch erst nachdem sie mindestens zehn jahre wie rapunzel im turm geschmachtet hat, aber immerhin. und auch, wenn sie wie in 3 idiots vor ihrer eigenen hochzeit gerettet werden muss, kann sie danach sogar ein paar sekunden lang eigene agency entwickeln. aber 3 idiots ist ja vor allem darum sehenswert, weil man den bösewicht am iphone erkennt – da könnten sich die hollywood ruhig mal was abschauen.

in meinem hotelzimmer in delhi hab ich die abende vor allem mit den nie enden wollenden werbeblöcken auf hbo verbracht – egal um was es geht, shah rukh khan trinkt kaffee dabei (nur die nescafé-werbung kommt bezeichnender weise ohne ihn aus) – und auch in der werbung: immer so eine erotische stimmung in der luft. dass amerikaner ärängätäng sagen, wenn sie orang utan meinen, war mir zwar neu, hat aber wahrscheinlich nichts damit zu tun, dass man mittlerweile in kathmandu liebes – ja sogar ehepaare – händchenhaltend durch die altstadt flanieren sehen kann.

wobei, das mit dem flanieren könnte leicht falsch verstanden werden, es ist natürlich ein reiner kampf. seit einer woche schon plane ich einen kurzen film zu genau diesem thema, leider sind weitwinkelobjektive aber nicht mehr so billig wie in den guten alten zeiten. doch auch in den bergen war das mit dem gehen nicht immer ganz einfach, vor allem der ausflug zum makalu-basislager hatte es dann doch in sich. ilia und wolfgang waren auf besuch da und gemeinsam mit chun sind wir ins baruntal hinaufgegangen.

da stehen wir also im basislager, nur der makalu ist nicht da, beziehungsweise nicht sichtbar. trotzdem bleibt er einer meiner lieblingsberge. nicht, weil er ein reiner achteinhalbtausender ist, sondern weil er einfach ein schöner berg ist, aus der ferne zumindest. ich hab während dem gehen viel über heilige orte nachgedacht und bin zu dem schluss gekommen, dass das eine ästhetische frage ist. und so, wie marshall macluhan gemeint hat: “we shape our tools and thereafter our tools shape us” ist es auch mit den plätzen, glaube ich. und weil ich auch glaube, dass die erde rund ist, damit die energie die richtung wechseln kann, hab ich so meine zweifel an weltchakras und den gatschtümpeln am fulseck, die seit kurzem als plätze mit negativer energie beschriftet sind. ich glaube, menschen beten bestimmte landschaften an, weil sie sie schön finden. und zumindest ich kenne wenige zustände, die sich so transzendent anfühlen, wie erschöpft auf eine schöne aussicht zu treffen.

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ins makalu basislager führt ein breiter pfad hinauf, man trifft leute am weg. sobald man sich aber von der normalroute wegbewegt wird es ein wenig schwieriger. unser plan war, zu viert von dobate aus direkt nach hedangna zu gehen. ilia und wolfgang haben sich dann entschieden, nicht mitzukommen – und ich hab sie bald um ihre entscheidung beneidet. nach chuns planung hätten wir eine nacht unterwegs in den almen oberhalb von bakle schlafen sollen und im laufe des nächsten tages in hedangna eintreffen.

der erste tag war noch recht viel versprechend, wir haben in dobate gefrühstückt, instantnudeln eingekauft und uns knapp oberhalb von ilia und wolfgang verabschiedet um dann über den ersten rücken zu queren. oben hat schneeregen eingesetzt. chun hat uns erst einmal seelenruhig eine portion kautabak angerichtet und bald sind wir über den weg gestolpert. fünf stunden im dauerregen später, nach einem zweiten 4000er pass am abstieg in die almen war ich nicht mehr ganz so vergnügt. ich hab abwechselnd an tom waits’ pony und roots manuva’s erkältung gedacht und in mich hineingesungen: “i wish i was home in eveline’s kitchen, with old jibb curled around my feet.” bzw. “my baby left me cause i wouldn’t buy her new shoes, man.”

aber wir haben eine voll intakte almhütte gefunden, mit dichtem dach und feuerholz, haben gejausnet und schnaps getrunken und die wärmste nacht seit wochen erlebt. der fehler ist erst am nächsten tag passiert und als wir die alte sherpani getroffen haben, war es schon zu spät. es hat uns nach limdumsa vertragen, ein sehr abgelegenes und armes sherpa-dorf, wir sind zu früh vom grat heruntergekommen. wenigstens ein bißchen gerösteten mais haben wir bekommen, es war schon früh am nachmittag und ich dachte: ok, wir gehen nach bungim, besuchen norbu aba, schauen uns sein neues haus an und gehen am nächsten tag gemütlich nach hedangna. aber chun wollte unbedingt zu seinen verwandten nach bakle und ein alter sherpa hat gemeint, er kann uns schon hinbringen, er kenne eine abkürzung, es seien eh nur drei stunden.

da hätte ich einschreiten müssen, aber ich war wieder einmal zu optimistisch. so einen weg bin ich noch nie gegangen, ich hab gedacht, ein kolumbianischer coca-bauer bringt mich in seine finca und muss dabei die stellungen der farc und der contras umgehen. am weg hinauf auf den nächsten grat ist uns dann beiden die letzte kraft ausgegangen. zu diesem zeitpunkt war ich musikalisch schon lang bei frank zappa angekommen: “the torture never stops.”

als wir oben waren hat der alte gemeint, er geht heim und chun hat immer noch gelaubt, wir schaffen es nach bakle, oder zumindest nach akchewa. als es finster geworden ist, waren wir irgendwo im dschungel über akchewa und haben mit mühe und not noch eine kleine almweide gefunden, aber kein dach. zu diesem zeitpunkt hatten wir nur mehr schnaps und tabak und wir haben die halbe nacht damit verbracht, uns die blutegel aus dem gesicht zu klauben. so haben wir uns also am nächsten tag nach hedangna geschleppt, wo die ganze familie schon seit zwei tagen auf uns gewartet hat, zusätzlich alarmiert durch die anrufe von ilia und wolfgang.

an meinem letzen vormittag dort bin ich noch einmal aus dem dorf hinausspaziert, ich wollte die reisterassen fotografieren. an der wasserstelle kommt mir eine alte frau entgegen, sie fragt wohin ich gehe, ich meine: zu den mane-steinen. und sie darauf: “jau ta, nani.” ich hab mich gefühlt, als hätt ich die strobl midi auf der alten straße getroffen und sie sagt zu mir: “mougst scho geh, noxei.”

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