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Drei Jahre später bin ich zurück in Kathmandu, am Montag in der Früh. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug war da eine Zufriedenheit, eine Sicherheit: riecht immer noch gleich, die Luft; schaut immer noch gleich aus, das Licht. Den Vormittag habe ich in der Visum-Schlange verbracht, zu Mittag war ich dann endlich bei Bipin im Organic Cafe in Jhochhe. Old Freak Street nennen sie es jetzt, sagt er. Manche von den alten Freaks mögen das gar nicht. Fürs erste bin ich im Zimmer über dem Kaffeehaus untergekommen, es ist Donnerstag Abend, 11 Uhr, und die jungen Freaks sitzen unten und kreischen herum. Da kommen zwei Polizisten und fragen, was los ist. Einer von den vier ist Nepali und fängt gleich an, die Beiden zu beruhigen, die Ausländer entschuldigen sich und sagen, sie wohnen im Hostel gegenüber. Einer von ihnen kann ein bisschen Nepali und versucht lustig zu sein. Es kommt nicht wahnsinnig gut an. Die Polizisten wollen wissen, ob sie Ganja haben. Alle verneinen, weisen diese Frage weit von sich. Da sagt einer von den Kieberern: “Aber wir haben was.“ Ob sie nicht mitkommen wollen auf die Wachstube. Da werden alle ganz kleinlaut. Die Polizisten lassen die Drohung noch zehn Sekunden im Raum stehen, dann schlendern sie weiter, ganz cool.

Tagsüber bin ich unterwegs, in der Altstadt zu Fuss, sonst mit Microbus, Bus und Taxi. Und überall kommen mir Wörter unter, fallen mir in die Ohren. Viele von ihnen erkenne ich wieder und ich denke mir zum Beispiel: sajilo – heisst das nicht einfach einfach? Oder ist das jetzt zu einfach? Jeden Tag gehe ich mit ein paar so Kandidatinnen nach Hause. Im ersten Moment habe ich das Gefühl, dass die Sprache zurück kommt und freue mich, dass sie noch irgendwo ist in mir. Dann aber denke ich mir: Sie war ja gar nicht weg – ich war weg und jetzt komme ich zurück. Was wohl nicht so einen großen Unterschied macht.

So oder so, ich bin wohl nicht mehr lange hier, in der Altstadt. Hab das Gefühl, es ist Zeit für was Neues, vor allem was Ruhigeres. Und ich habe jetzt ja auch einen Schreibtisch an der Nepa School of Social Sciences and Humanities und die ist nicht wirklich um die Ecke. Also habe ich mir heute früh eine Wohnung in Bouddha angeschaut, drei Minuten von der Stupa entfernt. Ich glaube, da ziehe ich übermorgen ein. Ein Zimmer voll Sonne, ein Balkon und – unglaublich – eine Waschmaschine. Die Vermieterin kommt aus Amerika, glaube ich, schaut um Jahrzehnte jünger aus als sie ist und kennt sich mit Buddhismus aus. Sie hat mich eine Stunde ins Kreuzverhör genommen und dabei voll und ganz meine exotistische Neugier geweckt. Rauchen gilt nur um Garten, Besuch nur auf Voranmeldung. Aber für eine Klosterzelle ist es wirklich extrem schön hier.
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Zwei Tage später, also jetzt, bin ich eingezogen. Es ist Samstag Mittag. Morgen ist Holi, das südasiatische Frühlingsfest, eine kollektive, institutionalisierte Farbbeutelattacke. Bipin hat gesagt, er geht wandern und kommt erst morgen Abend wieder, aber ich muss wirklich an meinem Artikel schreiben, der eigentlich heute schon fertig sein sollte. Bevor ich mein Zeug nach Bouddha verfrachtet habe, hab ich noch die Zeitung gelesen und drei Dinge scheinen mir erwähnenswert.

Einmal Politik: Der neue Premierminister hat seine Besitzverhältnisse offen gelegt, wie es ein neues Gesetz von allen Regierungsmitgliedern fordert. Und Sushil Koirala wird seinem Ruf als politischer Asket voll und ganz gerecht. Der Mann besitzt nichts außer drei Mobiltelefonen von denen eines nicht einmal funktioniert. Er hat auch kein Bankkonto, was sich allerdings bald ändern wird. Wie er dann allerdings die Reisekosten für eine Reise nach Burma zurück geben konnte ist mir nicht ganz klar – und überhaupt, wie zahlt der Herr seine Handyrechnung? Jedenfalls hat sich sein Heiligenschein schon auf die Kabinettssitzungen ausgewirkt. Während es früher Tee und Snakes für durchschnittlich 17.000 Rupee (ca. 150 Euro) pro Sitzung gegeben hat, gibt es künftig nur mehr Wasser.

Zweitens „mein“ Infrastrukturprojekt: Das Melamchi Water Supply Project ist wieder auf Schiene. Die Italiener, die neuerdings den Tunnel bauen haben im letzten Monat sage und schreibe 35 Meter weitergebracht. Bei dem Tempo wird das Projekt ungefähr gleichzeitig mit der USS Enterprise fertig werden, aber besser 2320 als nie. Hier sollte ich vielleicht kurz ausholen und erklären, was ich überhaupt in Nepal mache. Es geht nämlich genau um dieses Wasserversorgungsprojekt, das Kathmandu von seiner extremen Wasserknappheit heilen soll. Für eine Forschung darüber zahlt mich der Schweizer Nationalfonds die nächsten 18 Monate.

Und drittens in der Wochenendbeilage: Ein Porträt von Subash Bhattarai, den ersten Sexshopbesitzer in Nepal. Schön an der Geschichte ist der Ursprung seiner Geschäftsidee. Wie ansonsten viel zu selten ist Katowice schuld daran. Dort hat Bhattarai bis vor drei Jahren als Schuhverkäufer für einen Inder gearbeitet.

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2 thoughts on “Kathmandu, knapp vor Vollmond

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