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Die Frühlingsgewitter haben angefangen. Der erste Regen ist mir am Weg nach Pokhara begegnet, letzte Woche. Iris und Oliver haben dort Urlaub gemacht und nachdem ich das letzte Mal vor fast zehn Jahren in Pokhara war – damals auch mit Iris – bin ich hingefahren. Ashley hat mich noch gewarnt, wie extrem sich alles verändert hat, aber ich muss gestehen, meine Erinnerungen an damals sind höchst fragmentarisch. Ich weiß nur noch, dass wir in der Holy Lodge bei Ganesh gewohnt haben. Er hat uns erzählt, dass er sich ständig rechtfertigen muss, dass er nicht als Gastarbeiter ins Ausland geht: „Everybody push me go, but I don’t feel go.“

Als ich das erwähnt habe hat Iris gemeint, sie ist Ganesh praktisch in die Arme gelaufen als sie in Pokhara angekommen sind. Sie haben seine Gastfreundschaft aber ausgeschlagen und sich sofort ans letzte Ende der TouristInnenmeile verzogen. Da habe ich die Zwei problemlos gefunden. Am nächsten Tag in der Früh bin ich mit ihnen zum Paragliding-Startplatz nach Sarangkot hinauf gefahren, nachdem ich mir einen Tandemflug gekauft habe. Und dort habe ich dann gesehen, was Iris und Oliver mir am Vorabend schon plastisch geschildert haben: auf diesem Berg, von zwei Mini-Startplätzen aus, fliegen 120 TandempilotInnen bis zu drei Mal am Tag mit ihrer zahlenden Kundschaft. Dazu kommen noch dreißig oder vierzig individuelle Paraglider. Sie sagen, so eine Frequenz gibt es sonst nirgends auf der Welt. Die Vögel in Sarangkot kurbeln in die gleiche Richtung auf wie die Paraglider.

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Die Zwei sind also los geflogen und ich habe auf meine Pilotin gewartet und mir währenddessen diese unglaublich gut geölte Maschinerie angeschaut. Touristinnen und Piloten kommen an, begleitet von einer Entourage an Trägern. Während der Pilot der Touristin das Gurtzeug anlegt und den Start erklärt, wird sein Schirm ausgelegt. Dann wird aufgezogen und losgerannt, im Halb-Minuten-Takt fliegen die Schirme hinaus. Mittlerweile sind der Grossteil der PilotInnen Nepali und man hört, sie drängen die AusländerInnen sanft aber beständig hinaus. Im Taxi zurück vom Landeplatz in die Stadt haben wir dann noch eine von den zwei nepalesischen Frauen kennengelernt, die Tandem fliegen.

Eine Stunde später war ich schon wieder unterwegs: Chun Bahadur treffen. Der Mann, der verantwortlich dafür ist, dass aus meiner Diss was geworden ist, weil er wochenlang das Aruntal auf und ab gegangen ist mit mir, für mich übersetzt hat, als ich noch kein Wort Nepali verstanden habe und mir zwischendurch im Schneeregen auf 4500 Metern eine Portion Kautabak hergerichtet hat. Seit ein paar Jahren arbeitet er fürs Landwirtschaftsministerium und seit kurzem ist er in Pokhara stationiert. Es war ein sehr herzliches Wiedersehen und eine Viertelstunde später sind wir schon beim Schnaps angelangt gewesen.

Der ist leider zu spät gekommen um mich vor dem nächsten Tag zu bewahren. Den habe ich nämlich im Bett verbracht. Ich bin schon mit recht flauem Magen aus Kathmandu weggefahren und der Tag an der Sonne hat mich endgültig umgehauen. Am Freitag habe ich mich dann schon wieder zusammen gepackt und bin zurück in die Hauptstadt, nachdem ich noch kurz bei Chun Bahadur in der Landwirtschaftsschule vorbei geschaut habe. Iris und Oliver sind am Samstag nachgekommen und haben sich gleich bei mir ums Eck einquartiert, bis sie am Mittwoch heimgeflogen sind.

Ich habe daraufhin etwas ganz ungewohntes gemacht: eine Woche Bürodienst, Montag bis Freitag, 9 to 5. Nachdem ich jetzt einen Schreibtisch an der Nepa School for Social Sciences and Humanities habe und es dort einen Generator gibt, der während der Bürozeiten Strom macht, gibt es plötzlich handfeste Anreize zum in die Arbeit gehen. Dazu kommt die Mittagspause mit Dal Bhat, Prabhin, Tashi und Wayne. Darum ist mein Artikel für Momentum Quarterly jetzt auch fast fertig – endlich.

Ausgeklungen ist die Woche mit einem Besuch am Bauernmarkt im 1905 – fragt mich nicht, warum das so heisst. Oder überhaupt warum Lokale, die auf Kolonial-Nostalgie bauen gern 190x heissen. Vielleicht weil die 19-Nullziger so unverdächtig, so unbesetzt erscheinen? Es gibt dort auf jeden Fall einen Franzosen, der Käse verkauft, einen Italiener mit Lasagne und einen Steirer mit Schwarzbrot. Dort habe ich Bipin getroffen, meinen Freund mit Kaffeehaus und musste wieder einmal schmunzeln über sein reines Herz. Er meinte: Der Besitzer habe ihm schon ein paar Mal angeboten, dass er auch einen Tisch aufstellen könnte, aber die Preise sind zu hoch und überhaupt: lauter Expats hier, das passe nicht zu seiner normalen Kundschaft.

Er sucht übrigens Leute, die Interesse haben in sein Geschäft einzusteigen. Momentan betreibt er ein kleines biologisches, vegetarisches Straßencafe und hat darüber zwei Wohnungen, die er vermietet. Im Geschäftslokal daneben will er in den nächsten Wochen einen Radverleih aufziehen und bald auch Räder und Fahrradzubehör verkaufen. Bei Interesse meldet Euch bei mir.

Danach war ich bei Ratna Sansar eingeladen, einem der Wasserkraftexperten, die in meiner Diss öfter zu Wort kommen. Wir hatten uns am Freitag kurz bei einer kleinen Konferenz getroffen, die ich aber vorzeitig verlassen habe – wegen Bürodienst. Später hat er offensichtlich auch noch eine kleine Brandrede gehalten, im wahrsten Sinn des Wortes, wie er mir voll Freude in seinem Wohnzimmer erzählt hat. „Ich habe gesagt: Wenn Upper Karnali so gebaut wird, wie verhandelt [von dem indischen Konzern GMR als Laufwasserkraftwerk mit 12% des Stroms für Nepal], dann verspreche ich, ich fahre zum Bauplatz und zünde mich dort an.“ Und das, obwohl er weder Tibeter noch Buddhist ist, sondern Christ.

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