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Die Schwester wird’s freuen, ich fasse ab. Meine ganz eigene (und eigenartige) Auseinandersetzung mit Hedonismus hat in Kopenhagen begonnen, aber damals, als ich noch nicht hier gelebt habe. Letzten Juni wurde ich auf Facebook von einer Nicht-Freundin mit gemeinsamen Freund/innen angeschrieben, und gefragt, ob ich meine Meinung zu Hedonismus kundtun möchte. Mitgeschickt wurde ein Fragebogen, aus dem relativ klar hervorging, dass die Fragestellung an einen Hedonisten, eine Hedonistin, gerichtet war. Ich war insgesamt ein wenig verwundert, und auch mit den Fragen überfordert, weil ich Hedonismus eigentlich nie als eine für mich typische Handlungsmaxime gesehen habe. Eigentlich eher umgekehrt, mit meiner zwanghaften Stresserei. Die Empfehlung für mich rührte daraus, dass mir zugeschrieben wurde ‘Partyhedonist’ zu sein. Was eigentlich eher als Kompliment denn als Kritik verstanden werden wollte, fasste ich damals als ziemliche Beleidigung auf. Für mich bedeutet Hedonist zu sein, eigentlich immer auch rücksichtslos, besonders auf andere Menschen bezogen, zu sein. Insofern würde ich mich auch heute nicht als Hedonisten bezeichnen. In jedem Fall stellt es eine gewisse Grenzüberschreitung dar, das Masz an allgemein zu akzeptierendem Vergnügen überschreitend. Vergnügen als Rücksichtslosigkeit insofern, als dass es Zeit auffrisst (die etwa fürs Ausschlafen danach verwendet wird), die für andere, ‘nützlichere’ Dinge verwendet hätte werden können. Wobei sich hier natürlich wiederum die Frage stellt, wie zulässig eine allgemeine Einschätzung dessen ist, und wer überhaupt das Allgemein ist (Oida!).

Als meine Mutter vor drei Wochen eine Nacht in meinem Bett übernachtete, und ich neben ihr etwas nach unten versetzt auf der Schlafmatte, hatte ich eine kleine Hedonismus-Debatte mit mir selbst. Meine Mutter dürfte eine durchaus negative Konotation von Hedonismus haben, die ‘Schussrichtung’ der Einschätzung war also eine andere als zuvor. Ich bin an diesem Abend noch in ein Lokal zu Freunden gefahren, mein ursprünglicher Plan um 1 zuhause zu sein, ging nicht auf, und so war es 4 als ich heimgekommen bin. Hätte ich jetzt nicht als so problematisch empfunden. Meine Mutter ist nicht aufgewacht. Sie hat mir das Ausgehen an sich auch nicht übel genommen. Als unangebracht empfand sie aber die Tatsache, dass ich es als normal empfinde, überhaupt bis 4 auszugehen – auch oder ganz besonders in ihrer Abwesenheit. Mit 23 Jahren und fast 10 Monaten, so alt wie ich jetzt bin, hatte meine Mutter einen sieben Monate alten Sohn. Die Verantwortungslage ist also sicher eine andere, aber trotzdem hat mich der ‘Vorwurf’ zum Nachdenken gebracht.

Dem ‘Party-Hedonismus’ (worauf ich mich jetzt einfach als Begriff einlasse, und das dann auch wirklich nur als Hedonismus mit Rücksichtslosigkeit gegenüber meinen eigenen Zeitkapazitäten gelten lasse) habe ich mich letzte Woche übrigens gemeinsam mit (fast) ganz Kopenhagen hingegeben – oder sagen wir groszen Teilen davon. Und Leuten von woanders. Weil ja Distortion war, eine Straszenparty die ganz früher (also so vor 15 Jahren) mal als eine eher spontante Party, die laut Mission Statement das Kopenhagener Nachtleben feiern wollte, begonnen hat. Heute tummeln sich an den beiden ‘öffentlichen’ Tagen an die 100k Menschen auf den Straszen von Nørrebro (Mittwoch) und Vesterbro (Donnerstag).

Was ich ja am spannendsten daran fand war wie sich das Pissverhalten bzw. die Bereitschaft bei der Örtlichkeit ein wenig flexibler zu sein als sonst üblich gestaltete. Also einfach überall – und auch unabhängig des Geschlechts. Die Reinigung (von wohl hauptsächlich Bierdosen und Urin) dürfte auch den mit Abstand gröszte Budgetposten ausmachen. Die Sache an sich aber ist wirklich groszartig, weil ich in Kopenhagen, bei all der Biederheit, die die Stadt wirklich manchmal schnöde wirken lässt, doch das Gefühl habe, dass man den Platz für solche Ausdrücke von Jugendkultur gerne zur Verfügung stellen will. Das gleiche gilt ja irgendwie auch für Christiania – obwohl Christiania sicher nicht von allen Kopenhagenern und Kopenhagenerinnen regelmäszig frequentiert wird, hat es sich doch als beständiger Faktor und Teil von Kopenhagen etabliert und die wenigsten würden tatsächlich dafür plädieren das Gebiet zu räumen (Das macht wenn dann nur Venstre und die anderen Rechtsparteien, die stadtpolitisch im Übrigen keine Rolle spielen. Gilt auch für die kürzlichen EP-Wahlen bei der die Danske Folkeparti in Kopenhagen bei unter 15% und damit weit unter den 27% landesweit lag). Und das obwohl Christiania jetzt auch weniger angenehme Leute anzieht. Damit will ich eigentlich nur kurz anbringen, wie groszartig Kopenhagen als Stadt ist.

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Zum Hedonismus fällt mir jetzt auch schon gar nix mehr ein. Auszer, dass ich die vergangen Partytage an diesem Lerntag, von dem ich mich mit windigen Abfassungen dieser Art ablenken möchte, merke, dass der Hedonismus oft nur als kurzfristige Strategie funktioniert. Dafür für die umso besser. Und das macht es dann wieder sehr gut. Oder um es mit Edith Piaf zu sagen: je ne regrette rien! – was heute übrigens so viel wie #YOLO heiszt.

 

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