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Wieder einmal bin ich zurückgekommen nach Kathmandu, nach sechs Wochen in Europa. Und erst als ich mit Bipin im Ti Amo gesessen bin, ist mir aufgefallen, dass es genau zehn Jahre her ist, dass ich das erste Mal angekommen bin in Nepal. Schuld war einmal mehr das indische Fernsehen – Indien hat ganz schlecht ausgesehen am ersten Tag des Test Matchs gegen England übrigens – weil da stand im Eck: Happy Independence Day. Da hab ich mich erinnert, wie ich am 15. August 2004 das erste Mal in Delhi gelandet bin und trotz 20 Stunden Aufenthalt zu ängstlich und verschwitzt war um in die Stadt zu fahren. Um Mitternacht war ich dann in Kathmandu und stand beim Haus von Öko Himal vor verschlossenen Toren. Jetzt bin ich schon länger nicht mehr in der Gegen gewesen, aber immer wenn ich an der Gasse vorbeikomme, freue ich mich über das kleine Vordach der Zahnklinik nebenan – das war der einzige trockene Fleck in der ganzen Nachbarschaft.

Da bin ich also gesessen in meiner ersten aussereuropäischen Nacht und war ganz guter Dinge, bis drei Burschen samt Matratze und riesengroßer Schraube vorbeigekommen sind. Ich war der Meinung sie sagen, dass sie da unterm Vordach schlafen wollen und war schon dabei mich zusammenzupacken, als einer von ihnen meinte: Sit down brother. Ich habe ihnen Schnaps, Zigaretten und Geld gegeben, sie mir Gras und sind nach einer guten halben Stunde wieder im Regen verschwunden. Als ich ihnen erklärt habe, im ersten Moment hätte ich Angst gehabt, sie hauen mir die Schraube über den Schädel, haben sie einen Lachkrampf bekommen. Später, als die Dämmerung gekommen ist, habe ich meinen Rucksack über das Öko-Himal Tor geworfen und bin in die Stadt hineinspaziert. Im Nachhinein frage ich mich: geht’s eigentlich noch klischeehafter? Wer hat das bitte inszeniert für mich oder hab ich mir das am Ende selber ausgedacht in der Stille nachdem der Regen aufgehört und bevor der erste Hahn gekräht hat? Aber ich schwöre: genau so ist es passiert. (Und damals war mir ja auch noch gar nicht klar, wie bedeutsam der Topos “AnthropologIn kommt im Feld an“ ist.)

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Der Rest vor zehn Jahren

 

Der Indische Unabhängigkeitstag hat übrigens nichts mit Mariä Himmelfahrt zu tun, sondern mit der Unabhängigkeit Indiens vom Britischen Empire, wo Mariä Himmelfahrt ja auch schon seit Jahrhunderten kein Feiertag mehr ist. Sie fallen trotzdem auf den gleichen Tag.

Über eine andere Rückkehr wollte ich schon im Juni berichten. Meinen Besuch im Aruntal nämlich. Aber am Rückflug aus Tumlingtar nach Kathmandu habe ich mir so nachhaltig die Nebenhöhlen verstopft, dass ich dann mal ziemlich bedient war. Und dann kam Edinburgh, Wien, Dorfgastein, Tallinn und zwischendurch immer wieder dieser sonderbare Flughafen in Abu Dhabi, der ausschaut, als hätte Walt Disney eine Moschee gebaut. Der Flughafen in Tumlingtar dagegen schaut immer noch aus wie eine staubige Arztpraxis – Wartehalle, Vorhang, Gate – doch in der Zwischenzeit wurde die Startbahn geteert. Genauso wie die Straße hinauf nach Khandbari. Direkt vor Reetas und Chun Bahadurs Haus hört der Asphalt auf und auf einem großen Schild steht: Asian Development Bank.

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Khandbari ist der Hauptort des Bezirks Sankhuwasabha und erlebt seit mehreren Jahren einen rasanten ökonomischen Aufschwung. Wie in vielen vergleichbare Kleinstädten boomt das mittelständische Gewerbe und daran ist die Gastarbeit im Ausland doppelt schuld. Auf der einen Seite verschafft sie HeimkehrerInnen mit Kapital aus um eigene Firmen zu gründen, auf der anderen gibt sie der Kundschaft Geld in die Hand um einzukaufen. Das ist eine relative neue Entwicklung, denn obwohl Geld (und somit Arbeitsmigration) seit vielen Generationen eine Rolle spielt, wurde es bis vor zwanzig, dreißig Jahren für sehr wenige Dinge verwendet: vor allem Salz, Stoffe, Schmuck, Werkzeug, Grundsteuer und zusätzlicher Reis wurde mit Geld bezahlt. Noch 1979 beschrieb Klaus Seeland das Aruntal als „nicht zu entwickelndes Tal,“ wo es keinen Bedarf für Plastikeimer gäbe, weil alle Dinge des täglichen Bedarfs aus Bambus hergestellt werden könnten.

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Was in Khandbari aber anders ist als in vielen anderen Kleinstädten in den Nepalesischen Hügeln ist der Kardamom, der weiter oben im Tal angebaut wird und eine kleine Gruppe von Zwischenhändlern in kurzer Zeit sagenhaft reich gemacht hat – andere haben sich verspekuliert oder einfach Pech gehabt und sich ruiniert damit. Vielen BäuerInnen in Dörfern wie Hedangna hat er ein zusätzliches Einkommen verschafft ohne die Reisanbauflächen zu verkleinern. Solange die Plantage gesund ist, ist Kardamom eine perfekte cash crop für BergbäuerInnen ohne Strom und Straße: wenig kapital- und arbeitsaufwändig und sehr gut lagerbar.

Nach Hedangna wollte ich wieder hinauf und schauen, was sich in den letzten drei Jahren getan hat. Der Arun-3 Staudamm ist immer noch unsichtbar, das wusste ich, aber ich hatte gehört, dass die Straße vor kurzem den geplanten Bauplatz erreicht hätte. Chun Bahadur hatte auch Zeit und am samstäglichen Wochenmarkt haben wir herausgefunden, dass eh die Hälfte der Lehrer aus Hedangna auch in der Stadt sind und wieder hinauf müssen. So sind wir also am Sonntag in aller Früh in den Jeep gestiegen zu Raj Kumar, Deuman, Suresh und Prem. Es ist wieder einmal um alles gegangen. Raj Kumar wollte gleich einmal wissen, wer den Dritten Weltkrieg gewinnen wird, später sind wir auf die Arier gekommen und was die Kinder von Hitler eigentlich so machen. Irgendwann zwischendurch hat einer von ihnen ganz trocken gemeint: Ihr Europäer, ihr werdet ja alle locker 80 Jahre alt – wir sind mit 55 fertig. Suresh ist allerdings mit seinen 70 noch ziemlich gut beisammen.

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Der Jeep hat uns wirklich bis nach Phyaksinda gebracht, wo der Damm einmal stehen soll. Dort haben sie eine Fähre über den Arun installiert und mir gesagt, die Bulldozer seien schon in Ekuwa, einen Tagesmarsch weiter das Tal hinauf. Es war halb zwölf, wir haben also Mittagessen bestellt und sind erst einmal schwimmen gegangen (pauri khelnu: schwimmen spielen, wie man so schön auf Nepali sagt). Es hat dann aber doch bis halb sechs gedauert, bis wir endlich in Hedangna waren, obwohl es von Phyaksinda aus eigentlich nur zwei Stunden zu Fuss sind. Am Ende haben fünf Minuten gefehlt und der Regen hat uns voll erwischt. Zum Glück wohnt Badri im ersten Haus des Dorfes und seine Frau hat uns Tee gegeben.
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Auf den ersten Blick scheint im Dorf alles unverändert, aber nicht mehr lange und die Straße wird ankommen. Nachdem ich mich nicht gerne wiederhole, ein Link zu meinem Kommentar in der Kathmandu Post dazu. Eine Woche später waren wir wieder zurück in Khandbari und ich hatte Geburtstag. Reeta hat doch tatsächlich eine Torte aufgetrieben für diesen Anlass. Das Biskuit war zwar recht trocken, aber trotzdem: Geburtstagskuchen in Sankhuwasabha, da hab ich ordentlich blöd geschaut.

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