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Meine Masterarbeit befindet sich gerade in einer prä-Beta-Phase (ist das dann die Gamma- oder gar Delta-Phase?), sprich sie ist sehr weit weg davon fertig geschrieben zu sein, was bedeutet, dass Hoffnung für eine Blogwiederbelebung meinerseits besteht. Hope for a better tomorrow.

Vom nationalen Schulterschluss, vom Beschwören der Gemeinsamkeiten, vom Trotzen der Brutalität mit Menschlichkeit und Gemeinschaftsgefühl, davon war seit diesem Wochenende wieder viel Rede. Alles das nachdem letzten Samstag Nachmittag das Feuer auf das Publikum einer Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit mit dem französischen Botschafter und dem Künstler und Karikaturisten Lars Vilks im Kopenhagener Stadtteil Østerbro eröffnet wurde und gegen Mitternacht vor der Kopenhagener Synagoge weitere Schüsse abgegeben wurden. Der Regisseur Finn Nørgaard, der Wachtmann Dan Uzan und der Verursacher beider Schießereien, Omar Abdel Hamid El-Hussein, waren tot. Von einem Tag, der alles ändern sollte, war die Rede. Von Terror und Chaos in den Straßen von Kopenhagen sprach ORF.at.

Das tatsächliche Chaos war sicher immer auf einen sehr kleinen Bereich beschränkt. Auch wenn man die Hubschrauber sicher in weiten der Stadt hören konnte. Und sicher auch einige rot-weiße Absperrbänder gesichtet wurden. Die Gefahr war sicher auch eine Reale. Als ich gegen 2 Uhr nachts in der Ausgehmeile Kødby angekommen war, strömte mir ein Schwall junger Leute entgegen, die nach der Schießerei vor der Synagoge den Rat bekommen hatten, besser nach Hause zu gehen. Na, klar, wer weiß schon was passieren könnte? Ehe man sich versieht, stürmt der unbekannte Gesuchte in eine Menschenmenge. Einige Erkundigungen nach dem Befinden wurden eingeholt. Meine Eltern hatte ich auf Skype immer wieder verpasst, was glücklicherweise trotzdem nicht zu übertriebener Besorgnis geführt hat. Und die Frage “Wie geht es dir damit?” – Ja, schwierig. Wie geht es mir mit einer Sache, die sich zwar in meiner unmittelbaren geographischen Umgebung zugetragen hat, die für mich gleichzeitig aber auch nicht mehr Relevanz besitzen zu scheint, als für viele andere Menschen auf der ganzen Welt. Der Anschlag war antidemokratischer, antisemitischer und rassistischer Natur. Trotzdem muss ich jetzt vor allem von jenen Kräften, die islamophobe, also rassistische, Tendenzen beschwören, vernehmen, dass es sich hier um das Ergebnis von Verfehlungen einer Politik des Multikulturalismus handelt. Jene Menschen, die (wohlgemerkt gewaltsame) Abschiebung von zahlreichen Menschen aufgrund ihrer geographischen Herkunft (oder der ihrer Eltern oder Großeltern) fordern, behaupten jetzt, dass eine Politik der Wertschätzung kultureller Unterschiede und dem Verständnis ebendieser, dazu geführt haben, dass Menschen jetzt Anschläge auf Institutionen und Veranstaltungen verüben, die wir als Errungenschaften unserer toleranten Gesellschaft definieren. Die Logik leuchtet mir nicht ganz ein, aber der rechtspopulistische Europaparlamentarier Morten Messerschmidt war Stunden nach dem ersten Anschlag nicht um den Lösungsvorschlag verlegen, die Schließung der Grenzen Dänemarks zu fordern – wenn wir uns abschotten, schotten wir uns natürlich auch gegenüber jeder Form hausgemachter sozialer Brennpunkte ab. El-Hussein wurde in Dänemark geboren, sozialisiert, marginalisiert, und irgendwann dazwischen wohl auch radikalisiert. Für Messerschmidt, den besten Absolventen einer dänischen juristischen Fakultät aller Zeiten, eine eher maue Analyse.

Darüber könnte freilich noch mehr geschrieben werden. Interessant war auch die Reaktion der Menschen, mit denen ich meinen Samstag verbracht habe. Betroffenheit, sicher. Aber in erster Linie böse Vorahnungen was den Umgang der Medien und der weit rechts stehenden öffentlichen Meinung (wenn man die als autonomen Akteur verstehen kann/will). Und in einem Land, wo man als Heimkehrender am Flughafen mit Mini-Flaggen empfangen wird, wird dem nationalen WIR – wenn eingeschworen – viel Bedeutung zuerkennt.

Wie hab ich den Samstag also erlebt? Ich habe auf Facebook eine Meldung gelesen, während ich auf der Bibliothek war. Das war ungefähr zwei Stunden bevor österreichische Medien das erste Mal darüber berichtet haben. Der Ton der Meldungen war da noch sehr nüchtern, bis mehr und mehr Informationen durchgesickert waren, und erste Parallelen zu Paris gezogen wurden. Beim Heimfahren durch Frederiksberg und Nørrebro ist mir nichts aufgefallen. Zum Abend hatte ich zwei Freunde eingeladen. Ich habe Smoothies gemacht, und wir haben Siedler von Catan gespielt. Ich habe ihnen davon erzählt, dass ich mit meiner Mutter darüber gesprochen habe, dass ich die Wahrscheinlichkeit eines islamistisch motivierten Anschlages (wobei mir schon beim Schreiben dieser drei Wörter unwohl wird, weil ich mir schwer damit tue, dem Islam die “Schuld” für das gehäufte Auftreten “solcher” Ereignisse zu geben, weil dahinter in erster Linie Einzelschicksale stehen) in Kopenhagen für sehr viel höher als beispielsweise in Wien sehe. Als wir die Wohnung verlassen haben und mit dem Rad nach dem Balders Plads links in die Nannasgade abbiegen wollten, baten uns zwei Polizisten in Kriegsmontur darum, hier nicht abzubiegen. Das war ein paar hundert Meter vom Mjølners Park, der Wohnanlage, in der Hussein lebte, entfernt. Heimgekommen bin ich etwa gegen halb 6, ziemlich genau zu der Zeit, als sich Hussein am Svanevej, sechs Blöcke weiter nördlich sein letztes Scharmützel mit Sicherheitskräften lieferte. Die Helikopter flogen danach noch gut zwei Stunden weiter intensiv über mir.

Sicher war Sonntag anders. Das Gefühl ist ein anderes, und man weiß was passiert ist, man ist sich dessen bewusst, auch wenn man nicht so recht erkennen will, was jetzt genau anders ist. Aber die Stärke des Alltags beeindruckt mich immer wieder. Die Welt steht noch. Tragisch, ja. Aber das eigene Leben ist davon meist nicht so sehr beeinflusst, wie einen das Beschreibungen aus den Medien oft auch selbst glauben lassen. Das war schon damals in Naharija 2009 so, als eine Rakete aus dem Libanon in meiner Wohnstraße eingeschlagen hatte, und zum Glück niemand ernsthaft verletzt wurde. Ich bin auf die Straße rausgelaufen und hab meinen Vermieter im Bademantel gesehen. “Those crazy basterds made me slip in the shower!”

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