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Ich war bei Valerie Olson in Irvine und wollte wissen, was sie von meinem Buchprospekt hält. Und dann war ich ganz überrascht wie sie gesagt hat (neben vielen anderen Sachen): Warum lässt du es nicht ein bissl länger kochen? Besser noch: sickern. Sie hat gesagt: perculate. Und ich musste an Twin Peaks denken und in mich hineinlächeln. There is a fish in the perculator.

Also habe ich mich in die S-Bahn zurück nach LA gesetzt (wie immer mit einem Tag Verspätung, wenn ich nach Long Beach fahre) und habe nicht Slow Death von Lauren Berlant gelesen sondern gemacht, was ich am Hinweg entdeckt habe: South Central LA zuschauen, wie es am Zugfenster vorbeizieht und dabei Skrillex zuhören. Der macht mit so Elektro-Pop-Gatsch ohne viel Spannungsbogen Millionen und lebt nebenbei in Downtown LA. Meiner Meinung nach der perfekte Soundtrack für die Horizontalität dieser Landschaft, die manche für eine Stadt missverstehen. Ausserdem atmet seine Musik wie kaum eine andere diese südkalifornische Art der Lazyness aus, die alles andere als faul ist, sondern durch und durch angestrengt. Im besten Fall unter Strom, meistens aber eher krypto-hysterisch (geht das überhaupt?).

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Gerade wie sich der Zug aus der Ebenerdigkeit hinauf bewegt in den ersten Stock um diesen wunderbaren Bauhof in Slauson zu überqueren, wo tausende Holzmasten am Boden liegen und auf ihren Auftrag warten, macht die Skrillex-Nummer diesen halbherzigen Break, die einzige Andeutung von Struktur, zu der sie sich hinreissen lässt. Gleichzeitig taucht im Hintergrund Downtown LA auf, die Wolkenkratzer umfangen im Dunst des June Gloom, ihre Spitzen verloren im Nebel.

Es hat lange gedauert, bis ich ein Gefühl bekommen habe für die Horizontalität von LA. Jetzt wo ich glaube, etwas zu verstehen von ihr, ist sie mir ziemlich ans Herz gewachsen. Plötzlich ist die Unermesslichkeit ihrer Flächigkeit keine Bedrohung mehr, sondern Verheißung. Mehr noch, auf einmal fühlt sie sich nicht mehr unmoralisch an, sondern wird amoralisches Medium, „reines“ Substrat auf dem Utopien und Dystopien in Symbiose wuchern wie die Schwammerl. Ein perfekter Horizont eben. Aber nicht nur die Geographie von LA ist horizontal, auch seine Temporalität. In einem Klima ohne Jahreszeiten wird auch die Zeit unglaublich flach und oft wird es schwierig sich zu erinnern, wann wir wen das letzte Mal gesehen haben. Wie Domenico kürzlich gesagt hat: Ich habe immer das Gefühl, das muss im Juni gewesen sein. Hier ist irgendwie immer Juni.

Eigentlich wäre es eine grandiose Landschaft für ein Leben, wird mir klar beim Zusammenpacken. Nicht nur wegen Wetter, Licht, Pazifik und der Tatsache, dass es an jeder zweiten Ecke nach Gras riecht. LA lädt ein zum Unterwegs bleiben, zum Auf-fremden-Sofas-schlafen. Eine Nacht in Palms, zwei Nächte in Long Beach, zurück nach Brentwood zum Unterhose wechseln. Weiter nach Silver Lake. Zum Beispiel. Und ich kenne ja nur einen Bruchteil dieser Gegenden, nur einen Bruchteil der möglichen Sofas. Übrigens hab ich letzte Woche zum ersten Mal auf der eigenen Couch geschlafen und das Bett hergeliehen.

Darum ist es auch so schwierig damit umzugehen, dass ein Leben hier unmöglich bleibt, für mich zumindest. Der Hauptgrund ist die Verdauung. Bei den Yamphu Rai in Nepal habe ich gelernt, dass charawa die unsichtbare Essenz im Essen ist, die uns nährt. Hier in Kalifornien fehlt mir die charawa und obwohl der Bauch wächst und jede Woche schwammiger wird, bleibt ein Hunger in mir zurück, der unstillbar scheint. Vielleicht ist aber auch genau das das Erfolgsrezept des amerikanischen Kapitalismus, warum “je mehr desto mehr” nirgends so stimmt wie hier (der Ellmer Stefan behauptet ja, das ist ein altes chinesisches Sprichwort, aber ich weiß nicht…)? Und dann muss ich so aufpassen mit dem Essen hier, mit den Hefen und Hormonen und Backzusätzen, die mir den Darm durchräumen, so regelmässig und konsequent wie es die nepalesischen Fäkalkeime nie geschafft haben.

Was bleiben wird, glaube ich, ist eine Sehnsucht, die genauso unstillbar bleibt, egal ob ein Leben hier oder anderswo passiert. Wie hat Dörthe letze Woche so schön gesagt, während einer Autofahrt von Downtown über West Hollywood, Beverly Hills und den Mulholland Drive nach Brentwood? Irgendwie hat sie sich LA imposanter vorgestellt. In Wirklichkeit kann es nie heranreichen an die Bilder in unseren Köpfen. Die sind ja auch von Profi-Kamerafrauen gemacht, in der Abendsonne, die die Stadt in Gold taucht. Und dann sind sie ja auch nicht einfach nur schöne Bilder, sondern gekoppelt an all die Verheißungen für ein Leben, die uns LA gegeben hat. Zum Beispiel Brenda Walsh, John Connor, Rick Deckard, Kim Kardashian, Betty Elms oder Louis Bloom.

Zum Beispiel auch die Verheißung der totalen Zerstörung und grandiosen Wiedergeburt. Am Ende von San Andreas steht dieser Mensch, der sich The Rock nennt, neben der vollkommen kaputten Golden Gate Bridge und schaut mit seiner Familie nach San Francisco hinüber, das ungefähr vier Erdbeben und ein Tsunami platt gemacht haben. Eine der Frauen fragt, was jetzt kommen wird. Und der Rock sagt: Now we rebuild. Vielleicht das nächste Mal doch ein wenig dichter in LA. Trotz aller Liebe zur Ebenerdigkeit.

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One thought on “Was ist ein Horizont?

  1. Ich sitze in der S-Bahn und fahre durch Kuchl. Dabei denke ich an LA. Kuchl ist die Gemeinde in Österreich mit der höchsten Geburtenrate. Wie hoch die Geburtenrate in LA ist, habe ich nie erfahren. In den schönen ebenerdigen Behausungen, die entlang von Long and Venice and Hermosa beaches gebaut sind, findet sie jedenfalls keinen Niederschlag, so eine Rate. Bei Wunsch an Beteiligung an Geburtenraten also: nix wie nach Kuchl/Austria!

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