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Mittwoch Abend, am Weg zum Pho 99, bin ich an einer altbekannten Sackgasse vorbeigekommen. Da habe ich das erste Mal bemerkt, dass sie laut Marmorplatte an der Straßenecke Westwood Avenue heisst. Was für eine Überleitung von Los Angeles nach Kathmandu.

Gelandet bin ich zu Mittag und im Taxi nach Patan war sofort klar, dass noch lange nicht alles wieder normal ist: die Straßen waren fast leer. Auch, wenn die fünfmonatige Grenzblockade in Birgunj seit einer Woche beendet ist, wird es wohl noch ein zwei Wochen dauern bis das Angebot an Benzin und Diesel wieder einigermaßen die Nachfrage decken wird. So schnell bin ich jedenfalls tagsüber noch nie durch die Stadt gekommen. Erst am nächsten Tag klärt mich Thomas auf: es war ein eilig einberufener Feiertag, weil Sushil Koirala gestorben ist, der Ex-Premierminister (und Cousin von drei anderen Ex-Premierministern).

Was mich aber viel mehr überrascht hat: auf den ersten Blick, vom Taxifenster aus, sieht man die Auswirkungen der verheerenden Erdbeben vom letzten Frühling praktisch gar nicht. Erst zu Fuss fallen mir dann gewisse Baulücken auf, aber selbst die Altstadt von Patan ist viel weniger kaputt als ich das erwartet hatte. In Bhaktapur dagegen schaut es teilweise wild aus. Die kleine Stadt im Osten des Beckens wird seit Jahrzehnten mit deutscher Finanzierung als letztes großes Ensemble der klassischen Newar-Architektur erhalten (Der Ziegel im Zentrum dieser Bauweise schaut dem, was in Österreich deutscher Ziegel heißt, verdächtig ähnlich. Aber das wird wohl Zufall sein). Viele Gebäude sind halb oder ganz eingestürzt, auf der Straße rund um die Altstadt stapeln sich die Ziegel meterhoch und überall wo Platz ist, stehen Zelte für die Obdachlosen. Der Nyatapole Tempel dagegen, eine fünfstöckige Pagode aus dem Jahr 1702 und der höchste Tempel im ganzen Tal, ist stehen geblieben, wie auch schon beim Erdbeben 1934.

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Nyatapole, Taumadhi, Bhaktapur

 

Am Abend im Base Camp treffe ich Austin, Sneha und Nayan, alle drei arbeiten in verschiedenen Zusammenhängen über das Erdbeben und seine Nachwirkungen. Bei ihren Erzählungen wird mir schlecht. Wieder einmal führt das Zusammenwirken von Regierung, Bürokratie und ausländischen Gebern zu verheerenden Ergebnissen. Schlimm genug, dass es mehr als ein halbes Jahr gedauert hat, bis die Nepal Reconstruction Authority gegründet war, weil sich die Parteien nicht einigen konnten, wer die Behörde leiten soll, die 4 Mrd. Dollar zu verteilen hat. Gleichzeitig hat die schon erwähnte Grenzblockade – ein Protest gegen die unsägliche Verfassung, für deren Verabschiedung das ancien regime die Erdbeben missbraucht hat – über Monate die Einfuhr von Baumaterialien massiv behindert. Aber selbst jetzt geht die Verschleppungstaktik weiter: Die ausländischen Geber haben Angst vor Korruption und wollen deshalb erst einmal Monate lang Daten erheben, was den drei großen Parteien nur allzu gelegen kommt. Während sie sich hinter dem Rücken der AusländerInnen ausschnapsen wer wo was abstauben kann, können sie der Bevölkerung sagen: Wir würden ja unverzüglich mit dem Wiederaufbau anfangen, aber die Geber…die wollen jetzt einmal Daten. Es soll in jedem Bezirk ein Forschungszentrum eingerichtet werden. Und die BürokratInnen sind auch alles andere als enthusiastisch in die neue Wiederaufbaubehörde zu wechseln – verständlicherweise. Die Alten wollen sich das vor der Pension nicht mehr antun, die Jüngeren sehen diese Posten als Schleudersitz: niemand weiß, wie sich das Karusell drehen wird und wer am Ende als Gewinnerin herauskommt.

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Durbar Square, Bhaktapur

 

Am Samstag haben sie im Mandala Theater die Vagina Monologues gespielt und ich habe ein paar wichtige neue Wörter gelernt – und wie frau auf Newari stöhnt. Danach bin ich in die Altstadt spaziert, direkt nach Ason, auf die vielleicht älteste Kreuzung in Kathmandu, wo seit mindestens 1500 Jahren gehandelt wird. Und ich denk mir schon: warum so viel Polizei? Die roten Fahnen geben mir eine Antwort und auf der Bühne steht doch glatt Mohan Baidya aka Kiran, Vorsitzender der orthodoxen Maoisten. Nach einer Runde durch ein sehr ruhiges Thamel komme ich nach Basantapur, zum Hauptplatz von Kathmandu. Da sind die drei großen Tempel alle weg, der alte Königspalast ist halb eingestürzt. Zum Glück ist in Jhochhe alles beim Alten und bei Bipin gibt es nach wie vor Kaffee.

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